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Wenn es immer öfter brennt – die Abfallwirtschaft vor neuen Aufgaben

Brand auf dem Wertstoffhof
Autor
Sofia Keller
Veröffentlicht
01.10.2025

Lithium-Batterien als Sicherheitsrisiko in der Entsorgungswirtschaft

Lithium-Batterien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie stecken in Mobiltelefonen, Laptops, Werkzeugen, E-Bikes, Einweg-E-Zigaretten oder Kinderspielzeug. Ihre hohe Energiedichte macht sie leistungsfähig, aber auch empfindlich. Werden sie beschädigt, überladen oder falsch entsorgt, kann es zu gefährlichen chemischen Reaktionen kommen. In der Folge entstehen Brände, die für Beschäftigte, Anlagen, Anwohner und die Umwelt zur akuten Gefahr werden.

Täglich kommt es allein in Deutschland zu rund 30 Bränden in Entsorgungsanlagen oder Sammelfahrzeugen, die auf falsch entsorgte Akkus zurückzuführen sind. Die Schadenssumme beläuft sich mittlerweile auf etwa 250 Millionen Euro pro Quartal. Tendenz steigend. Das berichten der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft (BDE) sowie der bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung.

Die Ursache liegt oft im Detail. Akkus werden in den Restmüll oder die Gelbe Tonne geworfen, statt in die vorgesehenen Rücknahmesysteme zu gelangen. Dort aber können sie mit anderen Abfallstoffen reagieren. Ein kleiner Funke reicht aus, um einen Brand auszulösen. Und das Problem wächst. Immer mehr Produkte enthalten versteckte Batterien. Besonders gefährlich sind Geräte, bei denen Akkus fest verbaut sind und kaum als solche zu erkennen sind.

Technologischer Fortschritt trifft auf wachsendes Risiko

Die neue Sortieranlage von PreZero Austria in Sollenau gilt als eine des modernsten Europas. Sie ist die erste LVP-Anlage, die mit dem BatterySort-System von WeSort.AI ausgestattet wurde. Die Technologie erkennt mithilfe von Röntgentransmission und künstlicher Intelligenz falsch entsorgte Lithium-Akkus bereits am Anfang des Sortierprozesses. Der Materialstrom wird gescannt, erkannte Akkus werden punktgenau ausgeschleust und anschließend in feuerfeste Container außerhalb der Anlage transportiert. Von dort aus können sie unter sicheren Bedingungen dem Wertstoffkreislauf zugeführt werden.

Diese Investition zeigt beispielhaft, wie technologische Innovation dazu beitragen kann, Brandrisiken effektiv zu reduzieren. PreZero verfolgt dabei eine klare Strategie: Sicherheit, Verlässlichkeit und die Vermeidung von Zwischenfällen stehen im Fokus. BatterySort unterstützt nicht nur die betriebliche Sicherheit, sondern auch die Zielsetzung eines umweltgerechten, geschlossenen Rohstoffkreislaufs.

Versicherungen ziehen sich zurück

Während Unternehmen wie PreZero in innovative Lösungen investieren, beobachten Teile der Branche mit Sorge, dass sich Versicherer zunehmend aus dem Markt zurückziehen. Die Arbeitsgemeinschaft Stoffspezifische Abfallbehandlung (ASA) warnt davor, dass bewährte Brandschutzkonzepte und präventive Maßnahmen in Frage gestellt werden, weil Versicherer pauschale Risikoeinschätzungen treffen.

Tatsächlich haben viele Betriebe in den vergangenen Jahren erhebliche Summen in Brandschutztechnik und organisatorische Maßnahmen investiert. Auf Initiative der ASA wurde zudem die VdS-Richtlinie 2517 überarbeitet, die heute als Grundlage für den Austausch zwischen Betreibern, Versicherern und Fachstellen dient. Dennoch: Ohne politische Rückendeckung bleiben viele Anlagen von stark steigenden Prämien betroffen – oder finden gar keinen Versicherungsschutz mehr.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Klimawandel neue Risiken mit sich bringt. In heißen Sommermonaten sind angelieferte Abfälle oft extrem trocken. Schon ein kleiner technischer Defekt reicht, um ein Feuer zu entfachen. Die ASA weist darauf hin, dass die Ursachen für viele dieser Brände – etwa unsachgemäß entsorgte Batterien – oft außerhalb des Einflussbereichs der Betreiber liegen.

Ein Ruf nach klarer Regulierung

Die Entsorgerverbände BDE und bvse haben in einem gemeinsamen Brief an die Bundesregierung und die Landesumweltministerien konkrete Forderungen formuliert.

Die wichtigsten Forderungen der Verbände im Überblick:

  • Einführung eines allgemeinen Batteriepfandsystems
  • Pfandpflicht oder Verbot von Einweg-E-Zigaretten
  • Kennzeichnungspflicht für Batterien und akkuhaltige Altgeräte
  • Einrichtung eines herstellerfinanzierten Fonds, um Recycling- und Entsorgungsbetriebe im Brandfall abzusichern (analog zum Einwegkunststofffonds)

Gleichzeitig kritisieren die Verbände die aktuelle Novelle des Elektro- und Elektronikgerätegesetzes als unzureichend. Das Thema Batteriebrände wird darin kaum thematisiert. Hinzu kommt, dass wichtige Brandschutzsysteme in Anlagen oft nicht installiert werden können, weil Genehmigungsverfahren stocken oder lange Bearbeitungszeiten durch fehlendes Personal in den Behörden entstehen. Die Technik wäre einsatzbereit, doch ohne Genehmigung darf sie nicht in Betrieb genommen werden.

Diese strukturellen Defizite gefährden den betrieblichen Alltag, verzögern Investitionen und erhöhen das Risiko für alle Beteiligten.

Aufklärung bleibt entscheidend

Die sichere Entsorgung von Lithium-Batterien ist nicht allein eine technische oder gesetzgeberische Aufgabe. Es ist auch eine Frage der Aufklärung und der Kommunikation. Noch immer ist vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern nicht klar, dass Batterien nicht in die Gelbe Tonne gehören. Noch immer fehlt es an ausreichender Kennzeichnung und an niedrigschwelligen Rückgabemöglichkeiten für defekte oder fest verbaute Akkus.

Genau deshalb ist es wichtig, das Thema stärker in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Mitgliedsbetriebe der ASA planen in den kommenden Monaten gezielte Aufklärungsarbeit.

Die Bedeutung der Organisation im Alltag

Brandschutz beginnt jedoch nicht erst mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz. Der sichere Umgang mit Lithium-Batterien ist in vielen Bereichen des Entsorgungsgeschehens eine tägliche Herausforderung. Falsch deklarierte Transporte, beschädigte Ladeeinheiten, unsachgemäß verpackte Batteriemischungen oder nicht durchdachte Zwischenlagerungen können ebenfalls zu gefährlichen Situationen führen. Hier kommt der menschliche Faktor ins Spiel – im positiven wie im negativen Sinne.

Aus diesem Grund bietet die Akademie Dr. Obladen das Seminar „Lithium-Batterien als Gefahrgut in der Entsorgung annehmen und verpacken“ an. Das Online-Seminar vermittelt am 30. Oktober 2025 praxisnah, wie Lithium-Batterien gesetzeskonform und sicher angenommen, gelagert und transportiert werden können. Behandelt werden unter anderem die rechtlichen Grundlagen, die Anforderungen an Sammelbehälter, Verpackungsvorschriften und das Verhalten im Brandfall. Die Teilnehmenden erfahren, warum Batterien chemisch so riskant reagieren können, welche Löschmittel im Ernstfall geeignet sind und wie betriebliche Strukturen organisiert sein müssen, um Gefahren systematisch zu vermeiden.

Das Seminar richtet sich an Verantwortliche in Entsorgungsunternehmen, kommunale Sammelstellen und Fachkräfte im Umgang mit Elektroaltgeräten. Es leistet einen wichtigen Beitrag zur Qualifizierung – sowohl im Sinne des Arbeitsschutzes als auch im Interesse der allgemeinen Betriebssicherheit.

Fazit

Brände durch Lithium-Batterien sind kein neues Phänomen, aber sie haben in den vergangenen Jahren ein Ausmaß erreicht, das neue Antworten erfordert. Dabei ist die Lösung nicht nur eine Frage der Technik. Sie beginnt bei der richtigen Entsorgung, setzt sich in der betrieblichen Organisation fort, braucht geschultes Personal und muss durch klare gesetzliche Vorgaben flankiert werden.

Das Beispiel Sollenau zeigt, dass moderne Sortiertechnologie einen wertvollen Beitrag leisten kann. Das Seminarangebot der Akademie Dr. Obladen unterstützt die Betriebe dabei, ihre Pflichten sicher und fundiert umzusetzen. Die Branche hat begonnen zu handeln. Nun ist es an der Politik, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Nur durch ein koordiniertes Zusammenspiel aus Innovation, Information und Regulierung lässt sich das wachsende Brandrisiko nachhaltig eindämmen.

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